Mein Schweizer Meditations-Taschenmesser

Liebe Patientinnen und Patienten,

ich freue mich sehr, dass jetzt – gerade noch rechtzeitig zu Weihnachten – ein Herzensprojekt von mir so weit fertig geworden ist, dass ich es hier zum ersten Mal veröffentlichen kann. Ich nutze die Gelegenheit und hole zur Erklärung etwas aus. Wenn Ihnen das zu viel Text ist, können Sie auch gleich hier zum Ergebnis springen: 

„The Rosarium Project“

Nach Herbert Benson, Professor an der Harvard Medical School und einer der Urväter der Mind-Body-Medizin, beruht die für uns und unsere Gesundheit so überlebenswichtige Aktivierung unseres integrierten Regenerations- und Entspannungssystems (Parasympathikus) darauf, die Aufmerksamkeit ruhig auf etwas Einfaches wie den Atem, ein Wort oder einen Klang zu lenken und die Gedanken kommen und gehen zu lassen, ohne ihnen nachzugehen. In der Theorie ist das eigentlich ganz simpel. Die anhaltend große Zahl stress- und damit parasympathikusmangelbedingter Erkrankungen einerseits und das schier unüberschaubare Angebot an Meditations- und Achtsamkeitsmethoden und -kursen andererseits zeigen jedoch, dass dies in der Praxis schwierig sein kann.

Noch relativ gut gelingt es, ein geeignetes Konzentrationsobjekt zu finden, etwa ein Mantra, eine Kerzenflamme oder den regelmäßigen eigenen Atem. Wenn es jedoch darum geht, die sich ununterbrochen in unser Bewusstsein drängenden Gedanken einfach ziehen zu lassen, wird es deutlich schwieriger. Wenn wir nichts aktiv dagegen unternehmen, feuert täglich ein nicht endender Strom mehr oder weniger bewusster Gedanken durch unser Gehirn. Schätzungen gehen von etwa 35 bis 60 Gedanken pro Minute aus – fast jede Sekunde ein Gedanke. Man vermutet, dass sich diese Gedanken in sehr hohem Maße wiederholen, bis zu 95 %, und dass sie einen hohen Anteil negativ gefärbter Inhalte aufweisen, bis zu 80 %.

Wir können diesen Gedankenstrom nicht vollständig unterbrechen, aber wir können unseren Geist darin schulen, die Gedanken wie Wolken am Himmel vorbeiziehen zu lassen, ihnen so ihre emotionale Bedeutung zu nehmen und somit innerlich mehr Ruhe zu entwickeln. Durch regelmäßiges Training kann das sogenannte Default Mode Network im Gehirn gedrosselt und damit die Präsenz und Macht negativer Gedanken vermindert werden. Indem wir unseren Fokus halten und unsere Gedanken beobachten, ohne sie zu bewerten, verlieren sie an Bedeutung, und die sogenannte Relaxation Response nach Benson kann aktiviert werden. Dadurch eröffnen wir unserem Mind-Body-System die Möglichkeit zur Regeneration und inneren Heilung auf allen Ebenen.

Letztlich sind diese Techniken seit Jahrhunderten bekannt: im östlichen Kulturkreis etwa durch das vor rund 2500 Jahren entstandene buddhistische Satipatthana-Sutta, im westlichen Kulturkreis vor allem durch die Praktiken der sogenannten Wüstenväter im 3. Jahrhundert nach Christus, die Lehren der christlichen Mystiker des Mittelalters (z. B. Meister Eckhart) sowie durch das vor allem im orthodoxen Bereich verbreitete Herzensgebet (Hesychasmus). Das Ziel ist überall dasselbe: die kontinuierliche Konzentration auf einen Fokuspunkt bei gleichzeitigem bewussten Nicht-Beachten des eigenen Gedankenstroms – um zu erwachen (Buddhismus), sich der reinen Gotterfahrung zu öffnen (christliche Mystik), den Körper in seiner Ganzheit wahrzunehmen (Mindfulness) oder die körpereigene Entspannungsreaktion zu aktivieren (Benson).

Genau vor 30 Jahren, im Jahr 1995, durfte ich einige Wochen im Trappistenkloster Nuestra Señora de Curutarán verbringen. Dieses erst 1981 gegründete Kloster im heißen Tiefland des südwestlichen Mexikos war damals eines der wenigen Trappistenklöster Südamerikas. Die Trappisten widmen sich ganz einem kontemplativen Leben in Gebet und Arbeit (ora et labora). Der Landstrich wird „heißes Land“ (tierra caliente) genannt; die karge Vegetation ist geprägt von niedrigem Buschwerk, rötlicher Erde und viel Gestein. Keine drei Jahre zuvor hatte ich als Beifahrer einen sehr schweren Autounfall gerade so überlebt, etwa sechs Monate davor hatte ich meine ärztliche Vorprüfung (Physikum) erfolgreich bestanden. Und nun machte ich – auf der Suche nach Richtung und Sinn – im Gästehaus dieses Schweigeklosters eine für mich sehr wertvolle und nachhaltige Erfahrung, in der ich den Wert von Stille, Kontemplation und selbstgewählter Abgeschiedenheit kennen und schätzen lernte – bis heute.

Im Vorfeld hatte ich mich bereits eine Zeit lang mit verschiedenen Meditationstechniken beschäftigt, etwa mit den Meditationen von Anthony de Mello, Übungen aus The Tao of Physics von Fritjof Capra, dem Gang der Macht von Carlos Castaneda, der Sitzmeditation nach Meister Eckhart sowie Achtsamkeitsübungen nach Jon Kabat-Zinn. Im Kloster in Mexiko wurden viele der regelmäßigen Stundengebete auf Latein gesprochen. Dadurch hatte ich die Gelegenheit, die besondere Tiefe und Kraft dieser jahrhundertealten Gebetstexte kennenzulernen. Ganz besonders schätzen gelernt habe ich dort die lateinische Version des Rosenkranzes. Der Rosenkranz war mir bereits aus meiner Kindheit als einfache, starke und jederzeit einsetzbare Gebets- und Meditationsform bekannt.

Der Rosenkranz hat – historisch gut belegt – seine Wurzeln im frühen Mönchtum. Schon die Wüstenväter nutzten Gebetsschnüre, um kurze, sich wiederholende Gebete zu zählen. Da im klösterlichen Leben ursprünglich alle 150 Psalmen komplett gebetet wurden, ersetzte man diese für Laien und Analphabeten durch 150 einfache Gebete. Aus diesem „Psalter-Ersatz“ entwickelte sich über Jahrhunderte der Rosenkranz mit seiner bis heute erhaltenen Grundstruktur, die seit über 450 Jahren praktisch unverändert gebetet wird.

In den kargen Hügeln Mexikos konnte ich die meditative Kraft des Rosenkranzes besonders intensiv erfahren. Im steten Murmeln des vorgegebenen Gebetsfadens fällt es meinem Gehirn besonders leicht, den Fokus zu halten und die aufkommende Gedanken sanft zur Seite zu schieben.

Ich hatte den Rosenkranz damals zusätzlich zu Deutsch und Latein auch auf Englisch gelernt, später auf Spanisch, Französisch und Ungarisch. Es hat mich beeindruckt, wie weltumspannend diese eine Gebetsmeditation in immer gleicher Struktur an unterschiedliche Sprachräume angepasst worden ist. Ich denke, dass der Rosenkranz für jeden, der sich darauf einlassen möchte, einfach zu erlernen und zu praktizieren ist. Sein großer Vorteil liegt darin, dass es für seine Praxis praktisch keine Vorgaben oder Einschränkungen gibt: Man muss nicht in einer Kirche sein oder in einer besonders ruhigen Umgebung. Man kann die Augen offen oder geschlossen halten, laut oder leise beten, schnell oder langsam, allein oder in Gemeinschaft – beim Autofahren, Radfahren, Gehen, Sitzen, Liegen oder Stehen, in praktisch jeder beliebigen Situation und jeder beliebigen Sprache.

Ich wollte deshalb schon lange diese schöne und kraftvolle Gebetsweise für alle, die sich dafür interessieren, erhalten und zugänglich machen. Dazu habe ich bereits seit längerer Zeit an einer Web-App gearbeitet, die ich hiermit veröffentliche. Die App bietet eine klare Struktur, um den Rosenkranz in jeder beliebigen Sprache textlich zu erfassen und mit einer entsprechenden Audioaufnahme zu hinterlegen und abzuspielen. Sie bietet den Rosenkranz jeweils  in seiner vollen Länge und Struktur, so dass man der Vorgabe ganz einfach ohne weiteres Wissen und Nachdenken folgen kann. Sehr einfach erlernt sich der Rosenkranz durch das Nach- und Mitsprechen, optimal in Verbindung mit einem parallel angezeigten Text. Beides wird hier verwirklicht. Aktuell sind bereits Textversionen in 32 Sprachen erfasst. Die Audioversion habe ich für den Referenztext auf Latein sowie auf Deutsch eingesprochen.

Für die Erfassung weiterer Audio- und Textversionen stehen klar strukturierte Skripte zur Verfügung, die auf Wunsch gerne zugesandt werden. Wenn Sie also jemanden kennen, der den Rosenkranz in einer anderen Sprache als Deutsch oder Latein kennt und dieses Projekt durch eigene Text- oder Audioaufnahme unterstützen möchte, wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie dieses Projekt weiterempfehlen.

Das ganze Projekt ist eine rein ehrenamtliche Tätigkeit, vollständig kostenlos, ohne Gewinnabsicht und ohne Werbung.

So – puh – das war jetzt ein langer Text. Vielen Dank fürs Dranbleiben und für Ihr Interesse. Ich wünsche Ihnen gesegnete Weihnachten und ein gutes, gesundes Jahr 2026 mit dem ein oder anderem Regenerationsmoment! mjk am 24.12.25