Stille – Weite – Fülle

Liebe Patient*innen, liebe Interessierte,

das war nun wirklich ein großartiges Erlebnis! In den Faschingsferien hatte ich die Möglichkeit unter der Leitung von Lucia Weber an einer Schweigewanderung durch die marrokanische Sahara an der Grenze zu Algerien unter der Überschrift „Therapeutikum Wüste“ teilzunehmen.

Von München sind es ca 4 Stunden Flug nach Marrakesch. Am Freitag Morgen ging es los, die Praxis wusste ich glücklicher Weise in bester Betreuung durch unser Vertretungsteam (Frau Rotter, Frau Dr. Dietz, Frau Dr. Kreil). Schon bei Ankunft in Marrakesch taucht man ein in eine andere Welt wie aus 1001 Nacht. Die Luft, der Verkehr, die kleinen Gassen, die Märkte. Nach einer ersten Nacht in einer zauberhaften kleinen Pension, einem sog. Riad, und dem Kennenlernen der anderen insg. 10 Teilnehmer ging es dann los.

Blick von der Dachterrasse unseres Riad über Marrakesch
Blick von der Dachterrasse unseres Riad über Marrakesch

Schon alleine die Busfahrt in einem Sprinter-Minibus über das Atlasgebirge, erst der hohe Atlas, dann der mittlere Atlas , dann der kleine, sog. Antiatlas, war ein Erlebnis. Im hohen Atlas lag zentmiterhoch Schnee auf der Straße, für den Fahrer eine ungewohnte Herausforderung, sehr viele Fahrzeuge, alle mit Sommerreifen, blieben an den steilen Serpentinen hängen.

Schnee auf der Straße im hohen Atlas
Schnee auf der Straße im hohen Atlas

Wir sind gut durchgekommen und haben nach rund 8 Stunden Fahrt die Oasen-Stadt Zagora erreicht. Immer mehr taucht man ein in eine fremde Welt. Lehmhäuser, orientalische Musik, Moscheen, Turbane überall. Dort Umstieg in einen alten Landrover Jeep und nochmals rund 30 Minuten auf Wegen ohne Straße und ohne Begrenzungen hinein in die Sahara zu unserem ersten Lagerplatz.

Boutique in Zagora, der Ausgangspunkt unserer Wüstenreise
Boutique in Zagora, der Ausgangspunkt unserer Wüstenreise
Siedlung nah der Oasenstadt Zagora
Siedlung nahe der Oasenstadt Zagora
Das letzte Stück Weg auf dem Weg zur ersten Lagerstätte erfolgte mit dem Jeep
Das letzte Stück Weg auf dem Weg zur ersten Lagerstätte erfolgte mit dem Landrover

Unsere Gruppe umfasste neben der Leiterin, Lucia Weber, noch mit mir 9 Teilnehmer*innen, 5 Beduinen und 9 Kamele. Die Beduinen haben aufs Beste die ganze Infrastruktur bereitgestellt. Jeden Tag wurden zwei große Zelte – eines für die Beduinen, eines für uns – auf- und abgebaut, drei mal täglich gab es eine herrliche vegetarische Mahlzeit, zwischendurch viel Tee, Orangen, Nüsse und Kekse. Schlafen konnte man im Zelt oder unter freiem Himmel. Ich habe 7 Nächte unter freiem Himmel verbracht, mit Blick in den großartigen Sternenhimmel bei dunkler Nacht, Neumond, die Milchstraße, der große Wagen, Kassiopeia, Orion, der Polarstern, der kleine Wagen, viele Sternschnuppen.

Typischer Lagerplatz mit einem Zelt für die Beduinen und einem Zelt für die Teilnehmer
Typischer Lagerplatz mit einem Zelt für die Beduinen und einem Zelt für die Teilnehmer
Abendessen am Boden serviert
Abendessen am Boden serviert
Mein Schlafplatz unter freiem Himmel am dritten Tag
Mein Schlafplatz unter freiem Himmel am dritten Tag
Die Karawane zieht schweigend durch die Wüste
Die Karawane zieht schweigend durch die Wüste
Sonnenaufgang in der Sahara
Sonnenaufgang in der Sahara am 2. Tag

Zum Sonnenaufgang wurde jeweils eine Sitzung leichtes Yoga angeleitet, danach folgte das Früstück: frische Datteln, Apfel, Bananen, Oliven, selbtgebackenes Brot. Im Anschluss kam man zu einer Meditation zusammen und wurde auf das Schweigen eingestimmt. Dann ging die Karawane los, wer wollte oder musste, konnte auf einem Kamel reiten, alle zusammen zogen schweigend immer weiter in die Wüste hinein. Von Tag zu Tag wurde die spärliche Vegetation immer karger und trockener, bis sie nach 5 Tagen dann ganz verschwunden war. Nur noch Sand und Dünen, soweit das Auge blicken kann. Ein Ziel unserer Reise, die große Düne, bis zu 70 m hoch, thront majestätisch über einem Meer aus Sandwogen. Die Tagestemperaturen lagen jetzt im Februar bei angenehmen rund 25 bis 30 °C, die Nachttemperaturen bei eisigen 2 bis 5°c.

Die große Düne, 70 m hoch
La grande Dune
Die Sandwogen hinter der großen Düne im Morgenrot
Die Sandwogen hinter der großen Düne im Morgenrot

An fast allen Tagen wurde ein neues Camp aufgeschlagen, an der Grande Dune hatten wir einen Stehtag. Jeweils am frühen Nachmittag, nach Erreichen des neuen Rastplatzes, erfolgte eine erneute Meditation, nach der dann das Schweigen aufgelöst wurde. Im Anschluss hatte man etwas Zeit für sich, bevor von Lucia eine bewegungstherapeutische Sitzung angeboten wurde. Ganz besonder beeindruckt hat mich hier die Authentische Bewegung: dieses auf C.G. Jung und eine der Begründerinnen der Tanztherapie, Mary Whitehouse, zurückgehende Verfahren, kann man auch als bewegte Meditation bezeichnen. Bei dieser achtsamen Körperpraxis bewegt man sich mit geschlossenen Augen frei – ohne Vorgaben, nur aus einem inneren Impuls heraus. Eine zweite Person ist als wertfreie Zeugin anwesend, sodass man sich sicher fühlt und ganz der eigenen Wahrnehmung folgen kann. So entsteht ein Raum, in dem unbewusste Gefühle, Erinnerungen und innere Bilder über den Körper spürbar und verstehbar werden können. Es war für mich sehr eindrucksvoll, wie schnell und wie tief die Problempunkte der einzelnen Teilnehmer erreicht wurden und wie erleichternd für viele die gemeinsame Arbeit gewesen ist.

Authentische Bewegung in der Sahara
Authentische Bewegung in der Sahara. Die Teilnehmer sind weit verstreut in der endlosen Weite

Am Abend folgte dann wieder ein köstliches frisch zubereitetes Mahl: meistens Tajine, der traditionelle marrokanische Schmortopf, mit Kartoffeln, Karotten, Auberginen, Gurken, Oliven. Manachmal Reis, Muschelnudeln, Rosinen, Quitten. Nach einem Tag in der Wüste schmeckte dieses Essen, am Boden auf Teppichen serviert, dazu Wasser und Berber-Tee, immer wieder großartig. An vielen Tagen wurde danach am Lagerfeuer Taguella, das traditionelle Sand-Brot der Tuareg gebacken, an einigen Tagen machten die Beduinen am Lagerfeuer noch Musik mit Trommeln und ihren monotonen und irgendwie traurig und sehnsüchtigen Gesängen.

Gesänge der Beduinen am Lagerfeuer
Backen von Sandbrot am Lagerfeuer
Backen von Sandbrot am Lagerfeuer

Unter diesen Umständen hat der Geist viel Zeit herumzustreifen und zur Ruhe zu kommen. Weg vom Tagesgeschäft, dem weltpolitischen Wirrwarr, den vielen großen und kleinne Sorgen im Berufs- und Privatleben. Hin zu den wirklich grundsätzlichen Fragen des Lebens: innerer Frieden, Ruhe, Zufriedenheit, Dankbarkeit. Ich bin sehr glücklich, dass mich unter diesen Umständen eine tiefe Dankbarkeit erfüllt hat: Dankbarkeit für meine Familie, meine Freunde, meinen wunderbaren Beruf, die guten Lebens- und Arbeitsbedingungen und Dankbarkeit für die harmonische und unterstützende Gruppe, die sachkundige und sorgsame Anleitung und überhaupt die Möglichkeit zu diesem erfüllendem Erlebnis.

Ein Blümchen erblüht im lehmigen Sandboden der Sahara
Ein Blümchen erblüht im lehmigen Sandboden der Sahara

Sehr erfüllt hat mich in diesen Tagen auch der Respekt vor dem Leben an sich. Mitten im Sandmeer, mitten im Nichts, bricht sich eine wunderschöne winzig kleine blühende Blume durch den dort lehmigen Sandboden. Was ist das für eine Kraft, die unter diesen widrigen Umständen eine so wunderschöne kleine Blume erblühen lässt!? So viele Lebensgeschichten habe ich in meinem Arzt-Leben bislang kennengelernt, in denen unter den widrigsten Umständen – Schmerzen, Krankheit, Verlust, Schicksalsschläge, Traumata, Krebs – trotzdem immer wieder die Freude am und der Willen zum Leben erblüht.

Panoramblick an unserem zweiten Lagerplatz
Panoramblick an unserem zweiten Lagerplatz

Was bleibt nun von so einer Reise? Viel neue Kraft. Frieden und Ruhe im Herzen. Die Erkenntnis, dass es immer wieder spannende diagnostische und therapeutische Verfahren wie die Authetische Bewegung gibt, die man bislang noch nicht kennengerlernt hatte. Eine große Dankbarkeit. Ein großer Respekt vor der Kraft und Widerstandskraft des Lebens.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ebenfalls viel Kraft, inneren Frieden, Offenheit, Dankbarkeit und Widerstandskraft! Alles Gute!

Dr. Kraus mit dem landestypischen langen Baumwollschal als Turban, dem sog. Cheche
Dr Kraus mit dem landestypischen langen Baumwollschal als Turban, dem sog. Cheche
Die Sahara im süden Marokkos an der Grenze zu Algerien
Die Sahara im süden Marokkos an der Grenze zu Algerien