Kaum ein Medikament wird so häufig eingenommen wie Ibuprofen. Bei Kopf-, Zahn-, Gelenk- oder Rückenschmerzen gehört es für viele Menschen ganz selbstverständlich zur Hausapotheke. Doch was genau passiert eigentlich in unserem Körper, wenn wir eine Ibuprofen-Tablette schlucken?
Ibuprofen beeinflusst sehr wirksam die Entzündungsreaktion in unserem Körper. Um seine Wirkung zu verstehen, muss man zunächst wissen, was eine Entzündungsreaktion eigentlich ist.
Entzündung – das universelle Reparaturprogramm unseres Körpers
Viele Menschen verbinden eine Entzündung mit Eiter oder einer Infektion. Tatsächlich ist eine Entzündung jedoch viel grundlegender. Sie ist das universelle Notfall- und Reparaturprogramm unseres Körpers.
Ganz gleich, wodurch Gewebe geschädigt wird – durch eine Schnittwunde, einen verstauchten Knöchel, ein Virus, ein Bakterium, einen Sonnenbrand oder einen Herzinfarkt – der Körper reagiert immer nach demselben uniformen Grundmuster.
Die Blutgefäße erweitern sich, Immunzellen werden angelockt, der Schädigungsherd wird abgekapselt, Zelltrümmer werden beseitigt und die Heilung wird eingeleitet.

Dabei entstehen die fünf klassischen Entzündungszeichen, die bereits die Ärzte der Antike beschrieben haben:
- Rubor – Rötung
- Calor – Überwärmung
- Tumor – Schwellung
- Dolor – Schmerz
- Functio laesa – eingeschränkte Funktion
Die Entzündunsreaktion hilft unserem Körper seine Integrität gegen eine Vielzahl von äußeren und inneren Schädigungsmechanismen zu bewahren.
Je nach Auslöser und Bedingungen kann sich die Entzündungsreaktion aber auch entkoppeln oder überschießen. Dann sind die Schädigungen durch die Entzündungsreaktion mitunter schlimmer, als es der Anlass eigentlich benötigen würde. Immer wieder kommt es auch zu Situationen, in denen der Körper den auslösenden Reiz nicht abschließend bewältigen kann. Dann kommt es zu chronischen Entzündungsreaktionen.
Überschießende und/oder chronifizierte Entzünungsreaktionen spielen in der medizinischen Begleitung eine ganz übergeordnete Rolle: Arthrose, Darmentzündungen, Lungenentzündungen, entzündliche Veränderungen der Gefäße, der Nieren, der Leber, der Gelenke, der Haut, des Gehirns, der Muskulatur, der Venen, der Nerven und und und.
Die Botenstoffe der Entzündung
Die komplexe Entzündungsreaktion wird durch eine Vielzahl fein aufeinander abgestimmter Botenstoffe, den sog. Entzündungsmediatoren, koordiniert.
Eine ganz zentrale Rolle spielen hierbei die Prostaglandine.
Prostaglandine werden unter Vermittlung eines Enzyms aus einer Fettsäure, der sog. Arachidonsäure, gebildet. Diese Fettsäure ist in der Lipiddoppelmembran nahezu jeder Körperzelle gespeichert.

Sobald Gewebe geschädigt wird, wird die Arachidonsäure aus den geschädigten Zellen freigesetzt. Das praktisch überall im Körper vorhandene Enzym Cyclooxygenase (COX) wandelt die freigesetzte Arachidonsäure anschließend innerhalb weniger Sekunden in Prostaglandine um.

Die Prostaglandine sorgen dafür,
- dass sich Blutgefäße erweitern,
- dass Immunzellen angelockt werden,
- dass Schmerzrezeptoren empfindlicher werden,
- dass Fieber entstehen kann,
- und dass die eigentliche Heilungsreaktion beginnt.
Sie sind praktisch die wichtigesten Botenstoffe der Entzündungsreaktion.
Was macht Jetzt Also Ibuprofen?
Ibuprofen hemmt nun eben genau dieses Enzym, die Cyclooxygenase (COX). Genau genommen hemmt es die beiden Unterarten COX1 und COX2. Dadurch kann aus der Arachidonsäure deutlich weniger Prostaglandin gebildet werden. Es stehen weniger Entzündungsmediatoren zur Verfügung. Die Entzündungsreaktion ist schwächer ausgeprägt.
Die Folge:
- Schmerzen nehmen ab.
- Schwellungen gehen zurück.
- Fieber sinkt.
- Die Entzündungsreaktion wird abgeschwächt.
Ibuprofen verändert also die Reaktion des Körpers auf eine Gewebeschädigung. Das funktioniert schnell und zuverlässig. Ibuprofen verschafft bei einer Vielzahl von entzündlichen Zuständen schnelle symptomatische Erleichterung.
Fluch und Segen: Warum entstehen Nebenwirkungen?
Jedes Medikament, dass eine Wirkung hat, hat auch eine Nebenwirkung. Und gut wirksame Medikamente haben typischerweise auch starke Nebenwirkungen. Beim Ibuprofen ist das Hauptproblem: Prostaglandine werden nicht nur bei Entzündungen benötigt. Sie übernehmen im gesunden Körper auch zahlreiche andere lebenswichtige Schutzfunktionen.
Magen
Sie schützen die Magenschleimhaut vor der aggressiven Magensäure. Werden sie gehemmt, können Magenschmerzen, Sodbrennen, Magengeschwüre oder Blutungen entstehen.
Nieren
Auch die Nieren benötigen Prostaglandine, um ihre Durchblutung aufrechtzuerhalten. Besonders bei älteren Menschen, Flüssigkeitsmangel oder bereits eingeschränkter Nierenfunktion kann Ibuprofen deshalb die Nieren belasten.
Herz und Kreislauf
Prostaglandine beeinflussen außerdem Blutgefäße und Blutplättchen. Deshalb können hohe Dosen oder eine langfristige Einnahme das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall leicht erhöhen.
Schwangerschaft
Im letzten Schwangerschaftsdrittel darf Ibuprofen nicht eingenommen werden, da es beim ungeborenen Kind einen wichtigen Gefäßverschluss vorzeitig auslösen kann.
Ibuprofen ist nicht allein
Ibuprofen gehört zur Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) oder auch Non Steroidal Anti Inflammatory Drugs (NSAID). Darunter werden alle Medikamente zusammengefasst, die Entzündunsreaktionen hemmen, aber nicht Cortison sind (Steroid = Cortison). Cortison ist die stärkste entzündungshememende Substanz überhaupt. Zu den NSAR zählen unter anderem Diclofenac, Naproxen, Acetylsalicylsäure (ASS) und Celecoxib. Alle diese Medikamente verfolgen dasselbe Ziel: Sie bremsen die Bildung von Prostaglandinen. Sie unterscheiden sich vor allem darin, wie stark und wie selektiv sie dabei die verschiedenen COX-Enzyme hemmen. Die gleichzeitige Einnahme vermehrt kaum die Wirkung, vermehrt aber sehr deutlich die Nebenwirkungen.
Fazit
Ibuprofen gehört zu den wirksamsten Schmerzmitteln überhaupt. Es greift gezielt in einen der wichtigsten Entzündungsmechanismen unseres Körpers ein und lindert dadurch Schmerzen, Fieber und Schwellungen.
Gerade dieser Wirkmechanismus erklärt aber auch seine Nebenwirkungen. Denn dieselben Prostaglandine, die Entzündungen steuern, schützen gleichzeitig Magen, Nieren und Herz-Kreislauf-System.
Wer Ibuprofen kurzfristig, in möglichst niedriger Dosierung und nur so lange wie nötig einnimmt, profitiert in der Regel von einem günstigen Nutzen-Risiko-Verhältnis. Bei längerer Einnahme und höhren Dosen kehrt sich das Nutzen-Risiko-Verhältnis aber schnell um und die Nebenwirkungen überwiegen. Grundsätzlich sollte man bedenken, dass die Entzündung nicht nur ein Feind des Körpers ist, sondern vor allem eines seiner wichtigsten Heilungsprogramme. Wie bei jedem anderen Medikament auch, müssen Nutzen und Risiko sorgsam abgewogen werden.